Florian Neuner
Forschungsspiegel
Die literaturwissenschaftliche Forschung schenkt Florian Neuner bisher kaum Beachtung. Die wenigen Aufsätze über ihn und sein Werk nähern sich Autor und Werk auf unterschiedlichen Wegen. Silvana Steinbacher führte für ihren Aufsatz ein Interview mit Neuner, über welches sie dann schrieb und der Artikel von Thomas Ernst befasst sich mit den Montagetechniken innerhalb der Werke und beinhaltet ein Interview mit dem Autor über aktuelle Entwicklungen in der Literatur und die Sicht Neuners auf seine Arbeit. Christian Steinbacher befasst sich explizit mit Und käme schwarzer Sturm gerauscht und Ralf B. Korte nähert sich in seinem Aufsatz Neuners Texten über das Medium Film, in dem er Montagetechniken beim Film beschreibt, Montage als ein Element des Films nennt und dies dann in Beziehung setzt zu Neuners Texten. Des Weiteren verfasst Neuner selbst in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Idiome die Editorials. In diesen äußert er sich zur geringen öffentlichen Wahrnehmung von Autoren wie ihm im Literaturdiskurs und zu aktuellen Entwicklungen in der Literatur.
Montage
In den Arbeiten zu Neuners literarischem Schaffen werden einige wesentliche Aspekte hervorgehoben. Einerseits findet seine Technik der Textmontage häufig Erwähnung (bei Thomas Ernst, Christian Steinbacher, Silvana Steinbacher und Ralf B. Korte) andererseits Themen wie Homosexualität und eine damit verbundene Subkultur (bei Thomas Ernst, Christian Steinbacher, Silvan Steinbacher und Ralf B. Korte) sowie Reisen und alltägliche Erlebnisse der Protagonisten (bei Thomas Ernst, Christian Steinbacher und Silvana Steinbacher) und die Reflexionen über Sprache und Literatur (bei Thomas Ernst, Christian Steinbacher und Silvana Steinbacher).
Die Montagetechnik wird nicht nur von Thomas Ernst, sondern auch von Silvana Steinbacher, Ralf B. Korte und Christian Steinbacher als wichtiges Merkmal in Neuners Prosa erachtet. Neuners Texte werden „von der Montage von Fundstücken und Erlebtem bestimmt“ und sind „eine kunstvolle Montage von vorgefundenen Zitaten aus sehr verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und von autobiografischem Sprachmaterial“ (Ernst 2010, S. 174). Dies beschreibt auch Christian Steinbacher: der Text sei kunstvoll zusammenmontiert, sodass „sich eben Disparates unter einer gemeinsamen Färbung findet“ (Steinbacher 2001, S. 69). Die Herkunft der Zitate bleibe mitunter unklar, sodass die exakte Rekonstruktion der Montage, d. h. welches Zitat aus welcher Quelle wie in den Text eingearbeitet wurde, nicht möglich ist. Dies sei von Neuner intendiert: „Neuner […] verunmöglicht die Rekonstruktion des Autors als einen 'genialischen und souveränen Arrangeur' des Montierten […] Das Autorbewusstsein bleibt eine Black Box“ (Ernst 2010, S. 175). Auch Silvana Steinbacher erkennt in der Montage Neuners wesentliche Arbeitstechnik:„ Sein literarisches Prinzip ist die Montage“ (Steinbacher 2008, S. 90), bei der einzelne Textbausteine zu „literarischen Kompositionen verwoben“ werden (ebd.). Charakteristisch für Neuners Textmontage Und käme schwarzer Sturm gerauscht ist nach Christian Steinbacher auch, dass der Text zwar als Montage zu orten sei, aber nicht im „herkömmlichen Sinn“ (Steinbacher 2001, S. 67).
Ralf Korte geht den Weg über filmische Montagetechniken, um Neuners Techniken zu beschreiben. So charakterisiert Korte Montage als filmisches Gestaltungselement, die für eine filmische Realität sorge. Diese Realität stehe oft im Widerspruch zu der Wirklichkeit außerhalb des Films. So nennt er als Bespiel spezielle Geräusche der Fernsehserie Raumschiff Enterprise, die vorgeblich im Weltall erzeugt werden, in der Realität physikalisch aber nicht möglich seien (Korte 2004, S. 113). In diesen Beispielen bezieht er sich zwar nicht konkret auf Textpassagen Neuners, doch er stellt fest, dass Neuner allgemein „unbeirrt“ am Montageprinzip festhalte (Korte 2004, S. 112). Zudem nutzt Korte die Techniken Neuners, um diese zu veranschaulichen. So sind in seinem Text kursiv gekennzeichnete Zitate eingefügt und der Text scheint konkreten Aussagen zu Neuners Texten auszuweichen. Darauf werden die Leser*innen dann auch hingewiesen: „ärgert es Sie, noch immer darauf warten zu müssen, den text florian neuners zu hören? Vielleicht hören Sie längst den text florian neuners, […] vielleicht geht das hier in den text neuners gleitend über“ (Korte 2004, S. 113).
Homosexualität
Auf Homosexualität als zentralen thematischen Aspekt in Neuners Textwelten verweisen sowohl Thomas Ernst als auch Christian Steinbacher. Ernst beschreibt die „fragmentarische Darstellung der schwulen Subkultur“ (Ernst 2010, S. 174) und Steinbacher erkennt in Und käme schwarzer Sturm gerauscht die „Konstruktion einer homosexuellen Identität“ (Steinbacher 2001, S. 68). In beiden Fällen wird die Thematik der Homosexualität mit den Reisen und Bewegungen der Protagonisten in Zusammenhang gesetzt. So stehen nach Ernst die von Neuner häufiger erwähnten Kneipenbesuche und Darkroom-Erlebnisse der Erzählerfiguren mit einem romantischen Wanderer-Motiv in Zusammenhang. So durchschreiten die Protagonisten Kneipen und Clubs, wobei die Erlebnisse und Zitate widersprüchlich seien und als „Movens” wirkten, gleichzeitig aber auch Verlustängste und Auflösung hervorriefen (Ernst 2010, S. 175).
Reflexionen Neuners über Ästhetik
In verschiedenen Interviews spricht Florian Neuner über sein Verhältnis zu Sprache, Literatur und den Literaturbetrieb. Besonders kritisiert er, dass die Literatur im Gegensatz zu den bildenden Künsten keinen „Modernisierungsschub erfahren“ (Steinbacher 2008, S. 92) und sich im deutschsprachigen Raum eine Belletristik entwickelt habe, die „ästhetisch […] nie wirklich fortschrittlich war“ (Ernst 2010, S. 178). Aus diesem Grund habe er sich dazu entschlossen, ein Gegenforum für avantgardistische Literatur zu schaffen; seit 2007 erscheint einmal jährlich die von ihm herausgegebene Zeitschrift Idiome. Hefte für neue Prosa. Ziel des Magazins sei es, Literatur zu fördern, „welche die Sprache als Material behandelt, reflektiert, und nicht deren unproblematisches Funktionieren zugrunde legt; die einen kritischen Metadiskurs über narrative Strukturen führt“ (Neuner 2007, Idiome, 1-2, hier: 2), wie Neuner es in seinem eigenen literarischen Schaffen unternimmt.
Kritik Neuners am Literaturbetrieb
Neben der fehlenden ästhetischen Weiterentwicklung kritisiert Neuner häufig den Literaturbetrieb. So dienen die Idiome auch dazu, „ein Podium für jene Prosa zu schaffen, die durch den sogenannten Markt mehr und mehr unsichtbar gemacht wird, die wir jedoch […] für die einzige von Interesse halten, wenn es um eine zeitgemäße Beleuchtung des zeitgenössischen Zeichensetzens gehen soll“ (Neuner 2007, Idiome, 1-2, hier: 1). Neuner kritisiert die Buchbranche, die an bisherigen gängigen Erzählformen festhält, da sie „zur Vermarktung gehobener Erzählware auf Kritiker angewiesen ist, welche die Behauptung [...] aufstellen, es handele sich um ernstzunehmende künstlerische Beiträge auf der Höhe der Zeit“ (Neuner 2012, Idiome, S. 1), was Neuner zufolge aber nicht der Fall ist. Stattdessen werde die tatsächlich moderne Sprachkunst von der Buchbranche nur wenig beachtet. Dies habe sich zudem auf die Literaturkritik in den Feuilletons ausgewirkt, sodass experimentelle Literatur auch von potentiellen Leser*innen deutlich weniger wahrgenommen werde (Steinbacher 2008, S. 93).