Forschungsspiegel

Philosophische Einflüsse: Staatsphilosophie nach Rousseau, Hobbes und Agamben
In mehreren wissenschaftlichen Aufsätzen zu Juli Zehs Romanen wird das philosophische Fundament, auf dem ihre fiktionalen Welten beruhen, näher betrachtet. Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen stehen der Nihilismus nach Nietzsche und die Staatsphilosophien von Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Giorgio Agamben.
Die Staatsphilosophie nach Thomas Hobbes steht sowohl im Zusammenhang mit der von Alev angewandten Spieltheorie als auch mit der Konstruktion der ‚Methode‘ in Corpus Delicti. Constanze Alt bestimmt die „Abwesenheit von Rücksicht, Loyalität und Mitleid“ (Alt 2009, S. 387) als die „gemeinsame Schnittmenge zwischen einem Naturrecht im Sinne eines Hobbschen Kampfes aller gegen alle und der auf maximale Effizienz zielenden Spieltheorie“ (ebd.). Sowohl in der Spieltheorie als auch beim Kampf aller gegen alle bedürfe es strategischen Handelns, um bestmögliche Ziele zu erreichen (vgl. ebd.).
Ebenso wie Constanze Alt geht auch Carla Gottwein auf die Einflüsse von Hobbes‘ Leviathan ein. Ihr zufolge liegt Thomas Hobbes‘ Gesellschaftstheorie der Konstruktion der ‚Methode‘ in Corpus Delicti zugrunde (vgl. Gottwein 2012, S. 235). Vor dem Transparent des Leviathan stelle die ‚Methode‘ den „gesunden Kulturzustand dar, in den die Gesellschaft aus dem Naturzustand, der geprägt war von Krankheit, Chaos, Terrorismus und Egoismus, überführt worden ist“ (ebd. S. 236). Darüber hinaus verweist Carla Gottwein auf Berührungspunkte zwischen Corpus Delicti und der Staatsphilosophie von Jean-Jacques Rousseau und Giorgio Agamben. Wenn Heinrich Kramer versuche, die ‚Methode‘ zu legitimieren, beziehe er sich auf Rousseau: Wie Kramer habe Rousseau das Vertrauen in die Unzerstörbarkeit des Gemeinwillens damit begründet, „dass man nur den ‚gesunden Menschenverstand‘ benötige, um den Gemeinwillen zu offenbaren“ (ebd. S. 235). Der Name der Zeitschrift, für die Heinrich Kramer als Redakteur arbeitet – der Gesunde Menschenverstand –, sei eine Anspielung auf Rousseaus Staatsphilosophie (vgl. ebd. S. 235). Hobbes‘ und Rousseaus Theorien würden besagen, „dass der einzelne Bürger zum Ziele des Selbsterhalts alle eigenen, subjektive Rechte einem Souverän übergeben muss, der selber nicht unter die von ihm erlassenen Gesetze gestellt ist“ (ebd. S. 237). Dementsprechend wird unter der ‚Methode‘ von den BürgerInnen verlangt, dass sie ihr persönliches Wohl dem öffentlichen unterordnen, damit der Selbsterhalt des Menschen so optimal wie möglich verlaufe. Gottwein stellt heraus, dass Rousseaus Staatsphilosophie grundsätzlich auf einem positiveren Menschenbild als bei Hobbes beruhe, allerdings bleibe „bei der Konstruktion des Gemeinwillens die schon erläuterte Gefahr der Verabsolutierung eines fiktiven Gemeinwohls“ (ebd. S. 237).
Ein weiteres staatsphilosophisches Werk, auf das sich Juli Zeh in Corpus Delicti beziehe, sei Homo Sacer von Giorgio Agamben. In dessen Werk werde der Körper – auf Latein ‚corpus‘ – „zur zentralen Metapher der politischen Gemeinschaft“ (ebd. S. 238). Als Mia durch Folter zu einem Geständnis gezwungen werden soll, befinde sie sich in einem Ausnahmezustand, der den ‚homo sacer‘ definiere: Sie sei der „Rest, der niemanden mehr gehört. Und damit allen. Vollkommen ausgeliefert, also vollkommen frei. Ein heiliger Zustand“ (Corpus Deliciti, S. 248). Carla Gottwein erkennt eine Anlehnung an Agambens Homo sacer: „Explizit identifiziert sich Mia Holl hier mit dem homo sacer. Sowohl der Begriff des heiligen Zustandes als auch die Tatsache des Nicht-Opfer-Sein-Könnens verweisen zusätzlich zum juristischen Kontext auch auf den ursprünglich religiösen Kontext dieser historischen Rechtsfigur.“ (Gottwein 2012, S. 242) Am Ende ihrer Analyse gelangt Gottwein zu dem Fazit, dass es Juli Zeh auf der Grundlage der Theorien von Hobbes, Rousseau und Agamben gelinge, „ein in sich konsistentes politisches System zu konstruieren, welches die Position des Bürgers in Reduktion auf seinen Körper definiert und ihn gleichzeitig auf eine Kollektividentität festlegt, zu der er aufgrund der Idee des Gemeinwohls scheinbar sich selbst verpflichtet hat“ (ebd. S. 238-239).

Philosophische Einflüsse: Nihilismus als Kinderspiel?
Henk Harbers stellt in seiner Abhandlung zur nihilistischen Thematik in den Werken von Andreas Maier, Markus Werner und Juli Zeh die These auf, dass der Nihilismus, nach dem sich Ada und Alev richten, lediglich „ein Spiel von Kindern“ sei (Harbers 2013, S. 199), „die nicht durchschauen, dass es vor allem ihr eigenes verletztes Liebesbedürfnis ist, das an der Basis ihres sogenannten ‚Spieltriebs‘ liegt“ (ebd.). Ada lasse sich auf Alevs Spiel nur deshalb ein, „weil und solange sie in ihn verliebt ist“ (ebd. S. 200). Dass auch Alevs nihilistisches Weltbild aus seinem Bedürfnis nach Liebe resultiere, wird Harbers zufolge dadurch belegt, dass er „deutlich eifersuchtsverdächtig“ (ebd.) reagiere, als Ada ihm auf einer Party von der Liebesbeziehung und -geschichte zwischen Smutek und seiner Frau erzählt. Allerdings lenkt Henk Harbers ein:
„Aber so ganz einfach macht es sich der Roman doch nicht. Die Liebe ist zwar eine Art Antwort auf Skeptizismus und Nihilismus, aber keine Widerlegung: Sie macht die nihilistische Entwurzeltheit nur ertragbar – für die Dauer der Liebe. Nachdem die Frau des Geschichtslehrers Höfling gestorben ist, sieht dieser keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.“ (Ebd.)

Das Sammelbecken des Spielbegriffs
Sonja Arnold nach bildet der Roman Spieltrieb ein Spielfeld, auf dem die „verschiedenen Lesarten des Spielbegriffs zur Anwendung gelangen“ (Arnold 2011, S. 220). Sie beschreibt die Funktion des Romans als einen Interdiskurs nach Jürgen Link, indem „Elemente aus verschiedenen Diskursen in der Literatur“ (ebd. S. 211) zusammengeführt und „in einem Spiel durch ein Probehandeln“ (ebd. S. 212) durchexerziert würden. Auf diese Weise entstehe keine bloße Abbildung des Gesamtdiskurses: „[E]s werden durch die Aufnahme von einzelnen Diskursfragmenten auch neue Kontexte konfiguriert“ (ebd.). Sonja Arnold stellt in ihrem Aufsatz die These auf, dass die verschiedenen Lesarten, welche in dem Roman aufgegriffen werden – das „Spiel als Probehandlung, das Spiel der Literatur, Szenarien aus der Spieltheorie sowie die postmodernen Konnotationen des Spielbegriffs“ (ebd. S. 211) – ein Sammelbecken verschiedener Bedeutungen des Spielbegriffs bilden würden, in dem aktuelle Diskurse literarisch verarbeitet, aber auch transformiert würden. (vgl. ebd. S. 212).
Anschließend erläutert Arnold die verschiedenen Bedeutungen des Spielbegriffs, wobei sie auf das Verständnis von Literaturtheorie als Spieltheorie nach Stefan Matuschek und Thomas Anz eingeht (vgl. ebd. S. 210): In deren Literaturtheorien werden die Handlungen der Romanfiguren als „Spielzüge“ (ebd.) verstanden und anstelle „einer individuellen Handlungsmotivation stehen abstrakte Strategien“ (ebd.). Eine weitere zentrale Literaturtheorie, die mit der Narrativik von Spieltrieb im Zusammenhang stehe, sei die von Tilmann Köppe, welcher die Interaktion von Text und Rezipient als Spiel charakterisiert, weil sie „wie das Spiel, von bestimmten Fiktionalitätsintentionen und -konventionen geleitet ist“ (ebd.).
Des Weiteren analysiert Sonja Arnold in ihrem Aufsatz das Gefangenendilemma nach Axelrod, welches Alev in seinem Spiel mit Ada und Smutek versucht herzustellen. Kooperieren Ada und Smutek, „so besteht ihre Belohnung darin, dass beide auf dem Gymnasium bleiben dürfen. Verrät Ada Smutek, so müsste dieser die Schule verlassen. Sie könnte damit rechnen, das Spiel beenden zu können […]. Gleichzeitig muss sie aber auch damit rechnen, dass auch sie von Smutek verraten wird und somit ihr explizit geäußerter Wunsch, Ernst-Bloch nicht verlassen zu müssen, zunichte gemacht würde […]“ (ebd. S. 217).
Sonja Arnold sieht im Handlungsverlauf des Romans eine „alternative, nicht im Schema verzeichnete Lösung“ (ebd. S. 219) für das Gefangenendilemma, indem „sich die Spieler gegen den Spielleiter verbünden“ (ebd.). Durch eine Kommunikation der beiden Gefangenen Ada und Smutek, die im Gefangendilemma untersagt ist, deute sich eine Kooperation an, welche die Beendung des Spiels vom Spielleiter Alev nach sich trage: „Mit der Kommunikation haben die Beteiligten gegen eine grundsätzliche Regel des Spiels verstoßen und damit das Spiel außer Kraft gesetzt“ (ebd.). In summa würden die Grundzüge der Spieltheorie „den wichtigsten Theoretikern folgend eingehalten, am Ende aber durch die Verbündung der Spieler gegen den Spielleiter wesentlich modifiziert“ (ebd. S. 220).

Das Recht als Spiel
Jan Wittmann stellt in seinem Aufsatz „Mit Recht spielt man nicht!”, Rechtsdiskurse bei Juli Zeh fest, dass in Juli Zehs Romanen das „selbstberuhigende Wissen vom Recht als einzigem Ordnungssystem, das die Menschen vor barbarischem und unmoralischem Handeln genauso schützt wie die menschliche Seele vor dem Auseinanderdriften und Zerfasern“ (Wittmann 2011, S. 161) sukzessive dekonstruiert werde. Diese Dekonstruktion erfolge dadurch, dass dem Spielfeld ‚Recht‘ konsequent Antisysteme entgegengesetzt werden würden. In Spieltrieb geschehe diese Kontrastierung zum Beispiel durch die Figuren Ada und Alev, die dem Rechtssystem „die Grundlage für Rechtsprechung und Rechtsetzung entziehen” (ebd. S. 166). Wittmann zufolge rücken die Texte auf diese Weise „das Bild vom Recht als eine vollkommen autarke Metainstanz“ (ebd. S. 175) gerade, „indem es ebenso wie andere Kulturphänomene als Spiel begriffen wird“ (ebd.).
Das Verständnis vom Recht als ‚Spiel‘ geht auf die Rechtsausübung in der Antike zurück. Der Aufbau des Romans, die Rahmung durch ‚Exordium‘ und ‚Kolophon‘, verweise auf jene antike Rechtsausübung, da vor Gericht „nicht ein Gerechtigkeitsideal als Maßstab, sondern vielmehr die rhetorische Performanz” (ebd. S. 162) im Fokus gestanden habe. Ein Prozess in der Antike sei durch die hohe Bedeutung der Rhetorik ein „Spiel mit rhetorischen Mitteln”(ebd.) gewesen. Die Frage, ob man das Recht als ‚Spiel‘ auffassen könne, wird in der Forschung vieldiskutiert. Mit Rückblick auf das dritte Reich konstatiert der Kulturhistoriker Johan Huizinga:
„Daß eine Verwandtschaft zwischen Recht und Spiel bestehen kann, wird uns deutlich, sobald wir bemerken, daß der tatsächlichen Ausübung des Rechts, mit anderen Worten dem Rechtshandel, was auch immer die ideellen Grundlagen des Rechts sein mögen, der Charakter eines Wettstreits im hohen Maße eigen ist.” (Huizinga 1956, S. 79)
Jan Wittmann kommt in seinem Aufsatz zu dem Fazit, dass das Recht bei Zeh „ein System unter vielen“ (Wittmann 2011, S. 175) sei, „das ebenso um seine Berechtigung, Legitimation und Anerkennung kämpfen muss wie andere Systemkonstrukte, die Zeh in ihren Texten antithetisch gegenüber stellt“ (ebd.).

Religion und Wissenschaft
Virginia McCalmont und Waltraud Maierhofer betonen in ihrem Aufsatz, Juli Zeh’s Corpus Delicti (2009): Health Care, Terrorists, and the Return of the Political Message, dass Wissenschaft und Religion in Corpus Delicti zwei Seiten einer Medaille seien (vgl. McCalmont und Maierhofer 2009, S. 389). Der „[r]eligious symbolism“ (ebd.), der in Corpus Delicti mehrfach eingesetzt werde, zeige wie eng die Methode mit Religion (und Fanatismus) verwandt sei. Im Gefängnis beispielsweise werde Mia, als sie in ihrer weißen Gefängnisrobe die Arme ausbreite, mit einem gekreuzigten Engel verglichen (vgl. Corpus Delicti, S. 200) und in einem späteren Gespräch zwischen Mia und Kramer werde auf eine Ähnlichkeit zwischen Kramers Haltung und die eines betenden Christen hingewiesen (vgl. ebd. S. 243). McCalmont und Maierhofer zufolge wird durch die Andeutungen und Vergleiche eine Verknüpfung von Wissenschaft und Religion unter der Methode sichtbar: „Zeh emphasizes her warning about the dangers of an unyielding commitment to science by subtly comparing science to religion.“ (Ebd.)

Außenseitertum
Carrie Smith-Prei und Lars Richter analysieren in ihrem Aufsatz Politicising Desire in Juli Zeh’s Spieltrieb ein verbindendes Charakteristikum der ProtagonistInnen in Spieltrieb: ihr Außenseitertum. Jenes Außenseitertum zeige sich einerseits durch eine körperliche, anderseits durch eine national-linguistische ‚Andersartigkeit‘ und kreiere eine Intimität „that is at once both sexual and violent“ (Smith-Prei und Richter 2013, S. 193).
Von Beginn an wird Adas Aussehen als ‚anders‘ beschrieben: Sie wirkt nicht so feminin wie die restlichen Mädchen in ihrer Stufe und wird ganz explizit als „nicht schön“ (Spieltrieb, S. 11) bezeichnet. Auch Alev unterscheidet sich durch sein ‚exotisches‘ Aussehen von seinen Mitschülern, allerdings werde die „feminine awkwardness“ (Smith-Prei und Richter 2013, S. 194), welche Ada verkörpere, als „unappealing“ (ebd.) verstanden, „whereas its male counterpart is beguiling” (ebd.). Im Gegensatz zu Ada werde Alevs ‚andersartiges‘ Aussehen und Auftreten von seinen MitschülerInnen mit Macht und Stärke assoziiert (vgl., ebd.).
Alev ist von geringer Körpergröße, Smutek dagegen über ein Meter neunzig groß (vgl. Spieltrieb, S. 11) – zwar handelt es sich hier um zwei gegensätzliche Merkmale, allerdings haben die Merkmale auch etwas gemeinsam: Sie kennzeichnen sowohl Alev als auch Smutek als ‚anders‘. Smith-Prei und Richter konkludieren: „The above characterisation of the physical difference and corporeal otherness of each of the main figures in the novel is key to the social non-normativity that brings them together, initially in sets of pairs.” (Smith-Prei und Richter 2013, S. 195)
Die national-linguistische ‚Andersartigkeit‘ steht Smith-Prei und Richter zufolge im Zusammenhang mit der „politicisation of non-normative relations” (ebd.). Was Alev und Smutek miteinander verbinde, seien ihre nicht-deutschen Wurzeln (vgl. ebd.) – Alev ist Halb-Ägypter und Viertel-Franzose, Smutek gebürtiger Pole. Während Smuteks Unterrichtsstunde spricht Alev absichtlich polnisch. Zum einen weise er durch den Gebrauch der polnischen Sprache darauf hin, dass es sich bei Smutek um einen „non-native speaker of German“ (ebd. S. 196) handelt und stelle auf diese Weise sein Recht, Deutsch zu Unterrichten vor den anderen MitschülerInnen infrage. Zum anderen benutze Alev die polnische Sprache „to create a linguistic minority group consisting of only himself and Smutek, the two people within the majority group of German speakers in the classroom who are able to speak Polish language” (ebd. S. 196). Smutek reagiert auf Alev mit der arabischen Redewendung „Inschallah“ (Spieltrieb, S. 122), was übersetzt „so Gott will“ bedeutet. Smith-Prei und Richter interpretieren seinen ‚Zug‘ wie folgt: „Smutek’s Arabic avocation of God’s will – countering Alev’s will to power – suggests that contemporary moral issues of faith and violence in an age of terrorism are an integral part of Alev’s otherness” (Smith-Prei und Richter 2013, S. 196).
Schließlich beziehen Smith-Prei und Richter Adas Kommentar zum Irakkrieg, der impliziert, dass die Vereinigten Staaten nicht den „individual fighter against the evil empire, but the evil empire itself” (ebd. S. 199) repräsentieren würden, in ihre Analye mit ein und stellen ihn in den Zusammenhang mit ihren bisherigen Analyseergebnissen: „Identify-political difference in a confined local space (here, the German classroom) references likewise the global arena in which Western nations (represented by the United States) exercise the violence of hegemonic politics on weaker nations” (ebd.).

Literarische Parallelen: Musil
Der Einfluss von Robert Musils Werk auf Juli Zehs Literatur ist ein beliebter Untersuchungsgegenstand in der Forschung zu Juli Zeh. Insbesondere für Spieltrieb gilt Musil als „most prominent intertextual sparring partner“ (Martens 2013, S. 253). Constanze Alt arbeitet in ihrer literatursoziologischen Arbeit Zeitdiagnosen im Roman der Gegenwart einige Parallelen zwischen den Figuren in Der Mann ohne Eigenschaften und Spieltrieb heraus: Zum Beispiel erkennt sie in Frau Smutek die Figur Clarisse (vgl. Alt 2009, S. 382-383), in Zehs Gymnasialdirektor Teuter Musils Christian Moosbrugger und in Zehs Ada Musils Protagonisten Ulrich (vgl. ebd. S. 369). Adas Sehnsucht gleiche der Ulrichs – wie „bei Ulrich liegt das Wesen jener Sehnsucht darin, die ‚Stelle‘ des Anderen ‚ganz‘ einzunehmen; es liegt in einem Ich-möchte-du-Sein“ (ebd. S. 389) – und wie Ulrich liest Ada die „Bücher Honoré de Balzacs (1799-1850)“ (ebd. S. 385). Weitere Anlehnungen an Musils Der Mann ohne Eigenschaften sind zum Beispiel die zahlreichen Wetterbeschreibungen (vgl. Arnold 2011, S. 214) und der „komplizierte Magnetismus zwischen Mia und Moritz“ (Schmidt 2008, S. 268), welcher Christopher Schmidt nach ein „Echo der Geschwisterliebe in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften” (ebd.) ist. In Spieltrieb bestehen zudem Bezüge zu Musils Die Amsel (vgl. Alt 2009, S. 376) und zu dem Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törless, in dem wie in Spieltrieb Schüler ihre Macht dazu benutzen, andere zu kontrollieren und zu erpressen. (vgl. Brockmann 2011, S. 69).
Die Betrachtung von Musils Erzählliteratur als Prätexte für den Roman Spieltrieb ist aber nicht nur hinsichtlich ähnlicher Charaktere und Themen relevant, sondern auch, weil Zehs und Musils Romane auf den gleichen philosophischen Theorien aufbauen. Constanze Alt konstatiert, dass „der unheimliche Eindruck des Ausgeliefertseins an etwas Namen- und Gesichtsloses der dem Roman zugrundeliegenden Realitätskonzeption geschuldet“ (Alt 2009, S. 371) sei. Jene Realitätskonzeption stehe „in Verwandtschaft zu Musilschen Idee der (falschen) Wirklichkeit als Mechanismus und Versuchsordnung“ (ebd.). Hinzuzufügen ist, dass auch die Erzählsituation und der gewählte Sprachstil – „an explicit nod to modernists like the aforementioned Thomas Mann and Musil“ (Martens 2013, S. 253) – Parallelen zu Musils Werk aufweisen (vgl. Breger 2008, S. 109).

Literarische Differenzen: Die Neue Deutsche Popliteratur
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erregen AutorInnen wie Christian Kracht und Ben-jamin v. Stuckrad-Barre mit ihrer ‚Neuen Deutschen Popliteratur‘ das Aufsehen der deutschen Medienlandschaft. Spieltrieb erscheint 2004, kurz nachdem die Popliteratur von der Literaturkritik nach dem 11. September 2001 für ‚tot‘ erklärt wird: „Kaum ein Verlag, der von der Popliteratur noch was wissen will, geschweige denn ein Buch als Popbuch bewirbt, kaum ein bürgerliches Feuilleton, das die Popliteratur nicht mindestens einmal zu Grabe getragen hat.“ (Die Tageszeitung, 16.03.2003) Vereinzelt werden in der Forschung dennoch Parallelen zwischen Juli Zehs Roman und der Neuen Deutschen Popliteratur gezogen; so zum Beispiel von Stephan Brockmann: „Zeh shares a concern with the perceived meaninglessness of contemporary life with other German authors, for instance, with Sibylle Berg, who, as Emily Jeremiah notes in chapter 9 of this book, writes about characters with ‚lives that seem arbitrary and pointless‘.“ (Brockmann 2011, S. 63) Allerdings arbeiten die meisten LiteraturwissenschaftlerInnen eher die Differenzen zwischen Juli Zehs zweitem Roman und der Neuen Deutschen Popliteratur heraus. So stellen Thomas Weitin und Constanze Alt zwar fest, dass die ‚Gegenwärtigkeit‘ sowohl in der Neuen Deutschen Popliteratur als auch in Spieltrieb einen wichtigen Stellenwert einnehme, allerdings auf unterschiedlicher Weise. Thomas Weitin betont, dass es in Spieltrieb auch „um die Reflexion von Verfahren und Schreibweise“ (Weitin 2012, S. 73) gehe, „die Emphase für Gegenwärtigkeit ist dabei jedoch das Thema, nicht das Ziel ihrer eigenen Poetik“ (ebd.). Außerdem habe Juli Zeh, im Gegensatz beispielsweise zu Benjamin von Stuckrad-Barre, nicht die Absicht „literarische Texte für eine oder gar ihre Generation zu schreiben“ (ebd. S. 74). Constanze Alt geht noch einen Schritt weiter: Sie sieht nicht bloß die ‚Gegenwärtigkeit‘ als Gemeinsamkeit, sondern auch den kritischen Blick „auf die eigene Generation als Produkt ihrer lebensweltlichen Gegebenheiten“ (Alt 2009, S. 203). Jedoch gestalte sich diese Kritik bei Zeh und den PopliteratInnen sehr unterschiedlich. Als Beispiel stellt Alt Spieltrieb neben Christian Krachts Faserland: „Hier wie dort findet sich zwar eine Ablehnung der gegebenen Welt. Doch ist diese bei Kracht rein ästhetisch motiviert, bei Zeh aber vor allem philosophisch. Bei ihr werden sie nicht zum Thema, jene Marken, auf die in Erstlingen Krachts wie Buschheuers insistiert wird.“ (Ebd.)

» Autor*innenstartseite